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Die Arbeitslosen Akademiker sehen den Tatsachen ins Auge!

Wenn ich an Euch, verehrte Magister und Diplom-Ingenieure, so denke, deren Mut und Kampfeswillen ich ebenso bewundere wie Eure Hard- und Softskills:

Eine tief empfundene Gemeinsamkeit, die  mich mit Euch verbindet, Männer wie Frauen, ist die aller- abgrundtiefste Abneigung gegen die POSE !!!!!

gegen die Angeberei, das Gespreize, das dicke Hose-Getue (auch Hillary Clinton hat im Wahlkampf geröhrt wie ein Hirsch), das Herumäugen, das Maßnehmen, das Stimme-auf-Angenehm-Modulieren, das Immer-auf-die-Eins-gucken.

Aber wißt Ihr was? Wir sind draußen, bevor wir dazu übergegangen sind, Ritalin einzuschmeißen. Bevor wir zu der Überzeugung gelangt sind, daß unsere Arbeit erst dann etwas taugt, wenn sie körperlich weh tut. Wenn mein Vertrag verlängert worden wäre, hätte ich bald mein Rückgrat wegschmeißen können, in doppelter Hinsicht.

Ich bin sicher, wir sind alle zu bockig. Für mich stellte sich sehr oft die Frage: Was haben die Ziele meines Unternehmens mit mir zu tun? Wenn der Laden Gewinn macht, kriege ich immer noch nur mein mickriges Gehalt. Und ich werde ständig kontrolliert. Überstunden sind eine Selbstverständlichkeit. Mein Chef macht mir klar, daß es, im Gegensatz zu mir natürlich, völlig unter seinem Niveau wäre, ein Regal beim Möbeldiscounter zu kaufen (”Höhö – aus dem Alter bin ich raus”).

Daß die Beschäftigten für eine Firma  wichtig sind und ihren Erfolg ausmachen, ist eine werbewirksame Formulierung für nur eine Zielgruppe, die Kunden. Der einzelne Beschäftigte ist austauschbar wie zu allen Zeiten. Niemanden interessiert die “Persönlichkeit”, wichtig ist allein ihr Nutzen. Als Motivation und Identifikation muß gefälligst das proklamierte Selbstverständnis der Chefetage  ausreichen (”Wir” sind die mit dem Alleinstellungsmerkmal blabla…).

Fazit siehe Patric: Erarbeiten von Verschleierungstechniken, Verhüllen von eigenen Interessen. Bloß nicht durchblicken lassen, daß einem die Lieben daheim wichtiger sind als der Job, es muß heißen: “Meine Familie unterstützt mich sehr, und mein Zuhause ist mein Ruhepol, meine Omi und mein Schwippschwager (Ehemann der Cousine?) haben mir erst verdeutlicht, was das heißt, “Senior Management”…, da war ich übrigens vierzehn.”

Natürlich ist das alles furchtbar pauschal, und die Erfolgreichen, die ohne Ritalin auskommen oder Pillen ganz normal finden, werden sagen: polemisch. Außerdem ändert sich nichts an der einen Tasache: Wir sind draußen. Jetzt haben wir verschiedene Möglichkeiten:

a) wir gehen da wieder rein.

b) wir gehen in Firmen, die nicht so sind.

c) wir machen unsere eigene Firma auf, posen für uns selbst und beteiligen eventuelle Mitarbeiter am Gewinn. Oder, wenn das nicht geht, bringen wir öfters Kaffeeteilchen mit.

d) ich mache es so (Achtung jetzt kommt der Katechismus des factorygirl): ich bleibe draußen. Nein, nicht in der Hartz IV-Wüste, bei meinem Rentenanspruch werde ich meine Zelte dort noch früh genug aufschlagen. Ihr kennt ja mein Credo: Als Proletarierin, die ihren Magistertitel auf dem 2. Bildungsweg erworben hat (Abi + Studium=10 Jahre elternunabhängiges BaföG, also Höchstsatz – Ich bin die Letzte meiner Art!) ist mein Tisch meine Werkbank. Und meine Werkbank mein Tisch. Deshalb gehe ich in einen Teilzeitjob, wo ich es mit Leuten zu tun habe, wo der Chef cool ist und das Geld nicht gerade auf Dumpingniveau, aber lassen wir diese verzweifelte Hoffnung beiseite. Also, ein Teilzeitjob.  Da engagiere ich mich schon aus dem einfachen Grund, weil mir mein Arbeitgeber die Hälfte der Versicherung zahlen wird. Weil ich ihm verdanke, daß ich nicht 500 € in die KV einzahlen muß. Den Rest der Zeit, also den anderen Teil, lebe ich mein Ideal: Kindern und Halbwüchsigen Selbstbewußtsein und Mut zu geben, indem ich sie unterrichte. Sie sollen sich ihr eigenes Urteil einmal frühzeitiger machen können als ich. Sie sollen unabhängiger und kritischer werden (”Katechismus”, hab ich ausdrücklich gesagt!), und sie sollen wissen, daß sie alles Mögliche probieren und alles Mögliche werden können.

Und auch für uns, liebe Akademiker, ist es nicht zu spät! Tear down the wall!

Gell?

Kommentare (3)

Cathy  am 17.11.09

hui, viel zu lesen…

Also als ich, Factorygirl, dein Thema gelesen habe, fand ich toll und total richtig!! :) Vielleicht weil ich eine Frau bin, keine Ahnung.
Weil dieser Katechismus nur für Frauen gültig ist (Kinder, Halbzeit…etc):P

Naja auf jeden Fall, fand ich den ganzen Text toll. Dann habe ich die andere Kommentare gelesen, und es ist mir ein bisschen konfus gewesen.
Also ich habe es nicht wie Beleidigung gesehen sondern wie Realität. Man erzählt uns dass die Personnalität zählt…naja…janein.

Ich bin auch der Meinung dass wir nur “Spielstücke” sind und dass die Personalität schnell vergessen ist. Was viel wichtiger für die Firma ist, was man für die mit bringen kann dass sie besser funktionniert und besser Geld machen kann. Es ist so. Aber das wussten wir schon, oder nicht? oO Also wir sollten, jeder für sich, einen Weg finden wie wir uns besser verkaufen können, attraktiv und “saftig” genug für die Einstellung machen können. Dafür tauschen wir Tipps, lesen wir viele Literatur, nehmen wir an verschiedene Kurz teil (in der Hoffnung dass das was bringt), und einfach uns gegenseitig helfen wie wir können um endlich wieder dabei sein und nicht mehr draußen bleiben.

Die Realität ist hard (und das wissen wir alle, trost Idealismus den wir haben) aber wir werden es schaffen wieder rein zu sein und erfolgreich in unsere Leben sein. ;) *schaka*

factorygirl  am 15.11.09

Verehrter Lindenmann, wenn Du hier schon mit Luhmann ankommst, dann laß uns doch gleich die Fahne mit dem Luhmann’schen Diktum “Wir kommunizieren nicht, um etwas zu erfahren, sondern um etwas auszuprobieren” hochhalten. In diesem Sinne: Netter Versuch, davon auszugehen, daß das factorygirl zu blöd ist, den Chef zu fragen was er denn mit der Zeitangabe “bis heute Mittag” zu meinen geruht. Auch habe ich durchaus zu erkennen gegeben, wenn mir sein Zeitlimit nicht paßte. Hier lag es also nicht an der Kommunikation. Die von mir kritisierte “Kontrolle” fand statt, wo sie heutzutage nicht mehr stattfinden sollte und wo mir als ‘Mitarbeiter’ die Vertrauenswürdigkeit abgesprochen wurde. Ein einziges Mal kam es vor, daß ich wegen meines vergessenen Portemonnaies vom Industriegebiet mit dem Bus in den Ort fahren mußte, um es wieder zu bekommen. Bei meiner Rückkehr mußte ich mir eine Fragerei gefallen lassen, die es nicht lohnt hier wiedergegeben zu werden. Um es auf den Punkt zu bringen: Es war eine beleidigende Form der Kontrolle und keine, die man betriebswirtschaftlich rechtfertigen könnte. Aber jetzt ist es gut, ich bin nicht mehr beleidigt, denn Gottseidank: ich bin ja draußen. Glück gehabt, daß mein Vertrag nicht verlängert wurde.

Übrigens tut es mir leid, wenn ich im vorigen Artikel jemanden als zu “bockig” für den Arbeitsmarkt bezeichnet habe, der das gar nicht ist. Ich will Euch, liebe Kollegen und Akademiker, nicht erzählen, wie Ihr drauf seid. Eigentlich will ich auch gar nicht davon reden, wie ich drauf bin. Aber sicher seid Ihr nicht darauf reingefallen: Ich liebe die Pose! Am liebsten die von Lord Byron im Albanerkostüm. Und dann gibt es da noch diese tolle Russin im figurbetonten blauen Anzug mit Kopftuch und gereckter Faust. Wobei ich doch sagen darf, daß ich, zumindest hier und heute, für meine politischen Ideale keine ukrainischen Bauernkinder verhungern lassen würde (und auch keine anderen, nein).

Prinzipiell geht es hier um den Zusammenhang von Signifikant und Signifikat in der Wahrnehmung des Rezipienten, um dem Mythos, der sich für das Individuum hinter gesprochener oder geschriebener Sprache verbirgt (Zusammgewürfeltes von R. Barthes und F. de Saussure). Den Mythos gilt es zu erschließen, am besten durch Kommunikation. Vielleicht wäre Luhmann mit diesem Kompromiß einverstanden, man weiß es nicht. Mir selbst (aber ich bin hier gar nicht von Interesse) genügt Euer Einverständnis (nein, das ist mir egal, ich will geliebt werden).

Die volle Verantwortung für den Inhalt dieses Kommentars übernimmt

das factorygirl

Lindenmann  am 14.11.09

Jetzt gehts los! Factorygirl ist nun hier, wortgewaltig, mächtig und schonungslos im Urteil: Gefällt mir verdammt gut!
Leider hast Du recht, dass Personen innerhalb der Organisationen austauschbar sind und das Persönliche schnell in den Hintergrund gerät. Genau hier haben wir ja zwei konkurrierende Modelle von Organisationen: (1) die von uns wahrgenommenen Handlungsprozesse zwischen uns und unseren geliebten Kollegen und (2) dem System, dessen kleinste Einheit nicht wir, DU oder Ich sind, sondern die Kommunikationsprozesse zwischen Uns.
Das erste Modell (1) beschränkt sich (stark zusammengefasst) auf die Spielregeln der Akteure, d.h. Interaktionsmuster zwischen DIR und DEINEN Kollegen in der Firma sind das emergente Ergebnis individueller Handlungsstrategien und Regeln. Doch damit lässt sich die Austauschbarkeit von Personen nicht beschreiben, wie Du sie richtigerweise angemahnt hast und ein wesentliches Merkmal von Organisationen darstellen. Denn andere Akteure könnten auch immer andere Spielregeln haben, um danach zu handeln. Und jetzt hilft Prof. Luhmann weiter: Mit ihm bekommt die Organisationstheorie (2) die entscheidende Wende, grob gesagt, “weg von den verhaltenstheoretischen Ansätzen hin zur Kopplung jeglicher individueller Handlungen”. Wie sind Wir miteinander verbunden, so dass so etwas wie Koordination und Reproduktion in den Abläufen und Arbeitsprozessen von Firmen und Institutionen entstehen kann? Die Antwort scheint auf den ersten Blick simpel, ist aber auf den zweiten Blick umso genialer, als dass Luhmann damit nicht nur die Handlungen und Interaktionen erklärt, sondern auch die Sinnebenen mit in das Erklärungsmodell einbezieht, also wie Wir das Verhalten der anderen interpretieren und warum Wir so handeln. Das Basiselement zwischen Uns ist also die Kommunikation, die Kopplung von Information, Mitteilung und Verstehen. Beispiel: Dir wird so nebenbei Freitag Vormittag die Info mitgeteilt, bis spätestens heute Mittag sollen die Rechnungen an die Kunden raus. Du fängst halt mal an, merkst, dass die Zeit viel zu knapp bemessen ist und fängst an zu schuften. Weil Du um 16.00 Uhr aber immer noch nicht fertig bist, interpretiert Dein Chef dies als nicht verstandene Anweisung. Weil er aber nichts mehr hasst, als wenn seine Anweisungen missachtet werden, kontrolliert, motiviert, fragt oder tritt er nach, um sicher zu gehen, verstanden worden zu sein.
Bleibt nach all dem klugen Geschribbsel nur die Frage, was ist nun besser? Hilft es mir dabei, dass ich jetzt verstehe, warum mein Chef ein Arschloch ist? Will ich es überhaupt wissen? Wer ist überhaupt mein Chef? Ach so, ich bin ja draußen! Puh, Glück gehabt! :)

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